Leseproben

Wer mag, der kann sich hier in einigen der Kapitel schon einmal "umsehen" ....

Meine „Immer-nur-das-Beste“-Logik hatte etwas Unerfüllbares, etwas Fatales, das ich damals nicht erkannt hatte. Würde sie letztendlich nicht von mir verlangen, erst alle Frauen auf diesem Planeten kennenzulernen, um dann ganz sicher zu sein, die richtige gefunden zu haben? Natürlich war das Unsinn, das wusste ich selbst, doch ich verhielt mich, als hätte ich es tatsächlich vor. Besonders hilfreich dabei waren die Dienste der Partnerbörsen im Internet, die „Marktplätze der Liebe“, die Quelle der Verlockung und gleichzeitig des Zweifels, der jedes Mal dann wie ein langsam wirkendes Gift in alle meine Beziehungen einsickerte, wenn ich mir andere Profile, andere Frauen als die, die grade an meiner Seite war, anschaute. Wie war ich nur damals drauf?
Ich setzte mich auf eine Bank des Bahnsteigs, auf dem täglich Hunderte von Touristen Agra betraten, um das Taj Mahal zu besichtigen. Die Bahnhofskinder wussten das offenbar und bettelten hier. Nicht älter als acht mochten sie vielleicht sein, die drei Mädchen und zwei Jungen, die hier mit mir auf dem Bahnsteig waren. Jeden Touristen sprachen sie an. Einige, wie ich auch, kauften ihnen etwas am Kiosk. Brot, Kekse oder eine Dose Cola. Dünn und schlabbrig hingen ihre verdreckten und löchrigen Kleidchen oder Hosen an ihren ausgemergelten Körpern herab. Schuhe hatten sie keine. Ihre kleinen und jungen Kinderbeine tippelten schnell und barfüßig auf dem schmutzigen Beton des Bahnsteigs, rannten von einem Touristen zum nächsten, bremsten, stellten sich ihnen in den Weg, streckten ihnen die Hände mit den Handflächen nach oben entgegen. Verfilzt standen die schwarzen, dicken Haarsträhnen von ihren Köpfen, darunter die oft von Krusten oder Schmutz überzogene Haut ihrer jungen,…
Jeewan hockte hinter seinem Schreibtisch in seinem dunklen, fensterlosen Sales-Office mitten in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Er war der Inhaber von „Eagles Eyes Export Cargo Services“. Ich saß ihm gegenüber und beäugte ihn kritisch. Schließlich ging es darum, ihm mein Motorrad anzuvertrauen, um es mit seiner Hilfe per Flugzeug nach Thailand zu bringen. […] „Und das klappt? Hast du das schon mal gemacht?“, fragte ich Jeewan, den kleinen, etwas dicklichen Nepalesen. „Sure“, sagte er, nickte und zog im selben Moment – so als hätte er nur auf diese Frage gewartet – ein abgewetztes Fotoalbum aus einer Schublade hervor.  „Look here, and here, and here!“, sagte er und seine gepflegten Finger glitten seitenweise über Fotos von Reisemotorrädern, alle auseinandergeschraubt und bereit zur Verladung.
Zwei Stunden später betrat ich nach über einem Jahr mein Elternhaus. Schon als ich die ersten Türen öffnete, fühlte sich auch hier alles so „normal“ an, so wie immer, gar nicht nach der großen Heimat. Was hatte ich erwartet? Vielleicht, das mich das Gefühl noch einmal so überwältigt, wie damals in Possmanns Frankfurter Äbbelwoi Kneipe vor dem dampfenden Teller mit Bratkartoffeln? Oder vielleicht irgendein anderes Gefühl, das mir noch einmal zeigte, dass hier mein Platz ist? Ich lief durch Küche, Wohnzimmer, mein früheres Jugendzimmer, schaute, roch, fühlte und … nichts.
Sie konnte es kaum abwarten, bis sie endlich wieder meine Stimme hörte. Bei mir aber war es anders. Trotz des Vertrauten und Heimatlichen, das immer noch in ihrer Stimme lag, aktivierte sie wie von selbst und ohne, dass ich mich dagegen wehren konnte, meinen Fluchtinstinkt. Dabei wusste ich genau, sie konnte nichts dafür. Es lag an mir. Und auch jetzt sickerte dieses Gefühl wieder in mich hinein. Es kam wie nach einem Winterschlaf aus irgendeiner Seelenhöhle gekrochen; ausgeschlafen, und in aller Frische reckte es sich mir entgegen. Es brauchte nicht viel, um es aufzuwecken.

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