Kapitelauszug: "Freiheit"

Sie konnte es kaum abwarten, bis sie endlich wieder meine Stimme hörte. Bei mir aber war es anders. Trotz des Vertrauten und Heimatlichen, das immer noch in ihrer Stimme lag, aktivierte sie wie von selbst und ohne, dass ich mich dagegen wehren konnte, meinen Fluchtinstinkt. Dabei wusste ich genau, sie konnte nichts dafür. Es lag an mir.

Und auch jetzt sickerte dieses Gefühl wieder in mich hinein. Es kam wie nach einem Winterschlaf aus irgendeiner Seelenhöhle gekrochen; ausgeschlafen, und in aller Frische reckte es sich mir entgegen. Es brauchte nicht viel, um es aufzuwecken.

Einmal, da sagte Helen: „Hey, wenn du wieder da bist, dann könnte ich mir auch einen Helm kaufen, und du könntest mich dann mal auf dem Motorrad mitnehmen.“

Allein das war mir schon zu viel. Ich wollte nicht, dass sie in uns investiert. Weder Geld noch Gefühle. „Ich freu mich so auf dich“, oder gar „Ich vermisse dich“, so etwas wollte ich nicht hören, das würgte mich, schrie danach, es erwidern zu müssen, etwas, das ich nicht konnte, bisher nie gewagt hatte.

Ich glaube, es gibt in jedem von uns so etwas wie eine kleine, ganz private „Legislative“. Eine Instanz in uns, die aufgrund dessen, was uns an Schmerzhaftem widerfahren ist, Gesetze und Verhaltensregeln erlässt, um uns künftig vor diesen Verlusten und Qualen zu schützen. Und irgendwelche mir heute nicht mehr erinnerlichen Erlebnisse müssen einmal zu einem „Gesetz“ geführt haben, das besagt, dass Beziehungen immer und unausweichlich mit Enttäuschungen, mit Schmerzen enden und sie deswegen „gefährlich“ sind, dass sie niemals zu tief, zu innig werden dürfen, um nicht verletzt zu werden. Dieses Gesetz schützt mich, es sorgt dafür, dass ich nie wirklich etwas zu verlieren habe, wenn eine Beziehung wieder einmal auseinanderbricht.

Vielleicht war dies auch der ehrliche Grund dafür, dass ich mich nicht mit Haut und Haaren auf Helen einlassen konnte. Vielleicht war meine bisherige Begründung ‒ „Ich brauche meine Freiheit, um glücklich zu sein“ ‒ nur inneres Gerede, selbst Vorgeplappertes, das sich besser, heroischer, männlicher anhörte als das Eingeständnis, dass ich Angst hatte, mein Gesetz zu brechen, Angst hatte, mich einmal richtig zu verlieben, dass ich Angst vor dem Verlieren hatte.

Dabei hatte ich nie verstanden, dass die Liebe kein Spiel ist, bei dem es um Verlieren oder Gewinnen geht. Sie hat kein Ziel, keinen Ausgang, kein Finale. Sie ist darauf ausgelegt, ewig zu spielen, des Spielens wegen. Sie ist einfach nur, und es ist an uns, sie mit all ihrem Glück und ihrer Gefahr in uns hineinzulassen oder uns ihr zu verweigern.

Es war verrückt. Ich hatte mich auf die ganze Welt eingelassen, auf die ungewöhnlichsten Begegnungen, war unersättlich nach Erfahrungen, die mein Herz berührten. Ich arbeitete in einem Hospiz und wagte mich in die Nähe des Todes, doch in die Nähe der Liebe wagte ich mich nicht? Hier gab es meinen Schutzschild, meine Rüstung, die verhinderte, dass mein Herz jemals durch eine Frau verletzt werden konnte.

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