Kapitelauszug: "Halbzeit"

Zwei Stunden später betrat ich nach über einem Jahr mein Elternhaus. Schon als ich die ersten Türen öffnete, fühlte sich auch hier alles so „normal“ an, so wie immer, gar nicht nach der großen Heimat. Was hatte ich erwartet? Vielleicht, das mich das Gefühl noch einmal so überwältigt, wie damals in Possmanns Frankfurter Äbbelwoi Kneipe vor dem dampfenden Teller mit Bratkartoffeln? Oder vielleicht irgendein anderes Gefühl, das mir noch einmal zeigte, dass hier mein Platz ist? Ich lief durch Küche, Wohnzimmer, mein früheres Jugendzimmer, schaute, roch, fühlte und … nichts.

„Hm, alles so wie immer!“, sagte ich enttäuscht zu meinem Vater und zuckte mit den Schultern.

Vielleicht hört das Heimatgefühl auf, sehnsüchtig durch uns hindurchzuwehen, wenn wir dort sind, die Haustür hinter uns schließen und es ruhig wird. Vielleicht aber ist die Windstille, diese Normalität das Besondere an der „Heimat“? Und vielleicht ist die Ferne von der Heimat Voraussetzung dafür, ihre Kraft zu spüren?

Und wie ist es umgekehrt? Vielleicht brauche ich auch die Heimat, um die Kraft der Fremde zu spüren. Wie sollte ich das Fremde ohne das Vertraute überhaupt erkennen? Wie sollte ich das Fremde, wie sollte ich „Nicht-Heimat“ erkennen, wenn ich kein Gefühl dafür habe, was Heimat ist. Bedingt nicht das eine das andere? […] Heimat gibt es ohne das Fremde nicht und das Fremde nicht ohne Heimat.

Heimat ist das, was wir kennen, das, von dem wir glauben, wie die Welt ist, und vielleicht auch, wie sie zu sein hat. Indem wir mit unseren Regeln und Gewohnheiten ein Stück von der großen Welt abzäunen, es zu unserer Heimat erklären, wird die Welt für uns überschaubarer, schaffen wir uns eine eigene kleinere Welt, in der wir uns sicherer fühlen als in der großen Welt, die nichts anderes ist als die Summe unendlicher Möglichkeiten, ein Leben auch anders zu leben.

Vielleicht wären wir verloren ohne Heimat, ohne dem Raum, in dem das selbst definierte Richtig und Falsch uns verspricht, das wir keine bösen Überraschungen erleben, wenn wir uns nach seinen Regeln darin bewegen. Wie verloren wären wir in einer Welt, in der wir die Regeln nicht kennten, nicht wüssten, wie wir uns zu verhalten hätten, damit uns nichts passiert? Wie verloren wären wir in einer Welt ohne Heimat?

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