Kapitelauszug: "Wartehalle des Todes"

Jeewan hockte hinter seinem Schreibtisch in seinem dunklen, fensterlosen Sales-Office mitten in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Er war der Inhaber von „Eagles Eyes Export Cargo Services“. Ich saß ihm gegenüber und beäugte ihn kritisch. Schließlich ging es darum, ihm mein Motorrad anzuvertrauen, um es mit seiner Hilfe per Flugzeug nach Thailand zu bringen.

[…]

„Und das klappt? Hast du das schon mal gemacht?“, fragte ich Jeewan, den kleinen, etwas dicklichen Nepalesen. „Sure“, sagte er, nickte und zog im selben Moment – so als hätte er nur auf diese Frage gewartet – ein abgewetztes Fotoalbum aus einer Schublade hervor.

 „Look here, and here, and here!“, sagte er und seine gepflegten Finger glitten seitenweise über Fotos von Reisemotorrädern, alle auseinandergeschraubt und bereit zur Verladung.

Davor jedes Mal der Besitzer mit zufriedenem Lächeln, dahinter jedes Mal Jeewan mit nach oben gestrecktem Daumen. Er wusste, wie man Motorräder verfliegt, das beruhigte mich. Aber ich wusste nicht, wie man Motorräder auseinanderbaut, das beunruhigte mich. Es half nichts, Motorräder werden nur verflogen, wenn sie in einer Kiste verstaut sind, und um die Kiste klein und damit Kosten niedrig zu halten, war die Maschine auseinanderzubauen.

Wir trafen uns zwei Tage später in einer Lagerhalle am Flughafen. Jeewan fuhr mit einem Kleintransporter vor, zusammen mit einem Schreiner und seinen zwei Helfern. Hinten auf der Ladefläche einen Stapel Holzbretter für die Kiste.

Bis auf den Reifenausbau hatte ich bis dahin noch nie bei meinem Motorrad Hand anlegen müssen. Ich kramte das Werkzeug aus den Koffern und erstmalig das Buch „BMW F 650 GS Reparatur und Wartung“, das ich mir damals am Abreisetag noch besorgt hatte.

Jeewan und seine Schreiner kletterten auf eine hohen Stapel Paletten, nahmen dort Platz und blickten zu mir herunter, wie ich fieberhaft in der Fibel blätterte, um eine Idee davon zu bekommen, wie man das Benzin ablässt, Schutzbleche und Lenker abbaut oder die Batterie fachmännisch entfernt.

Ich löste Schrauben, und einige Teile fielen ab. Allerdings welche, die nicht abfallen sollten. Peinlich. Ich zog die Schrauben wieder an und probierte andere. Mit breitem Dauergrinsen genossen die Herren in der Palettenloge meine Laienvorstellung und signalisierten mir mit gezwungenem Lächeln und einem Schuss Mitleid in ihren Blicken, wie toll ich das alles machte.

Nach etwa einer Stunde war es vollbracht. Erleichtert atmeten meine Zuschauer auf und bauten die Kiste um das demontierte Motorrad herum. Ich grinste zufrieden, Jeewan streckte seinen Daumen nach oben, und der Schreiner schoss das Foto für das Album.

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