Kapitelauszug: "AGRA"

Ich setzte mich auf eine Bank des Bahnsteigs, auf dem täglich Hunderte von Touristen Agra betraten, um das Taj Mahal zu besichtigen. Die Bahnhofskinder wussten das offenbar und bettelten hier. Nicht älter als acht mochten sie vielleicht sein, die drei Mädchen und zwei Jungen, die hier mit mir auf dem Bahnsteig waren.

Jeden Touristen sprachen sie an. Einige, wie ich auch, kauften ihnen etwas am Kiosk. Brot, Kekse oder eine Dose Cola. Dünn und schlabbrig hingen ihre verdreckten und löchrigen Kleidchen oder Hosen an ihren ausgemergelten Körpern herab. Schuhe hatten sie keine. Ihre kleinen und jungen Kinderbeine tippelten schnell und barfüßig auf dem schmutzigen Beton des Bahnsteigs, rannten von einem Touristen zum nächsten, bremsten, stellten sich ihnen in den Weg, streckten ihnen die Hände mit den Handflächen nach oben entgegen. Verfilzt standen die schwarzen, dicken Haarsträhnen von ihren Köpfen, darunter die oft von Krusten oder Schmutz überzogene Haut ihrer jungen, unverbrauchten Kindergesichter, die doch so wenig hier erlebten, was das Kindsein ausmacht.

 

Es war bald zehn Uhr. Längst schon Schlafenszeit für die Kinder, dachte ich. Ihre kleinen Körper sahen müde aus. Wo wohl ihr Zuhause war? Wo sie heute Nacht wohl schlafen würden? Ich wünschte mir, dass irgendwo jemand auf sie wartete und sie dort ein gutes Nachtlager fänden. Wann machen sie hier wohl „Feierabend“?

Um halb elf machen sie Feierabend, lernte ich in dieser Nacht. Ein vielleicht fünfjähriges Mädchen in einem kleinen, geblümten und verdreckten Kleid ging zu einem Mülleimer und zog das Blatt einer großen Zeitung heraus. Sie breitete es auf dem Boden aus, ungefähr zwei Meter vor mir, vor der Bank, auf der ich saß. Sie ging auf die Knie, legte sich auf das Blatt und rollte sich zusammen.

Was? Hier? Das ist es? Ist das dein Nachtlager, meine Kleine? Komm, sag, dass das nicht so ist. Du willst doch hier nicht die Nacht verbringen, mitten auf dem Bahnsteig?

Doch ihr Kopf lag schon auf dem harten Beton des Bahnsteigs, kein Kissen, nichts. Die nackten, schon vor Kälte zitternden Beine hatte sie ganz nah an sich herangezogen. Ein weiteres Mädchen kam hinzu. Sieben Jahre vielleicht mochte sie sein. Sie kniete sich nieder zu ihrer Freundin und kuschelte sich in Löffelchenhaltung an sie heran, umarmte sie von hinten und wärmte sie ein wenig. Nein, kommt, bitte nicht! So schlaft ihr hier? Auf einem Blatt Zeitung auf dem Betonboden des Bahnsteigs? Ja doch, so war es.

Etwas später rollte mein Zug in den Bahnhof. Langsam ging ich an den Mädchen vorbei und stieg ein. Ich stellte mich ans Fenster und sah, wie ein kleiner Junge kam, zum Mülleimer ging und noch ein Blatt Zeitung herauszog. Er ging zu den beiden Mädchen und deckte sie zu, mit diesem Zeitungsblatt. Sie rührten sich nicht, schliefen vielleicht schon.

Der Zug rollte an, ich blickte zurück, sah sie dort immer noch liegen, und bevor sie aus meinem Sichtfeld verschwanden, sah ich noch, wie der Fahrtwind des anfahrenden Zuges ihnen das Zeitungspapier von ihren kleinen, frierenden Körpern wehte.

Wie sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick eine gerechtere Welt.

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Peter S. Donnerstag, 31 Mai 2018 13:03 gepostet von Peter S.

    Der Auszug AGRA ist schon heftig. Danke für das Teilen. Das relativiert wieder etwas die Probleme die wir hier haben. Ich werde mir das Buch bestellen. Die Leseproben sind schon vielversprechend.

    Melden

Schreibe einen Kommentar

Newsletter Anmeldung


Zum Buch

BuchCover fr Website3