Das Geschenk - eine Weihnachtsgeschichte

Das Geschenk

Fast zwei Jahre war ich schon alleine unterwegs auf meinem Motorrad, auf meiner Reise einmal um die Erde. Und vielleicht musste ich so weit reisen, um dort, ganz am Ende der Welt, ein ganz außergewöhnliches Weihnachtsgeschenk zu finden …

Es war am Nachmittag, einen Tag vor Heiligabend, als ich Ushuaia, die südlichste Stadt der Erde erreichte. Bevor ich die Straße zu meinem Ziel, dem Campingplatz am Fluss „Rio Pipo“ nahm, wollte ich noch hoch auf einen Hügel, um das erste Mal die Ausläufer des Polarmeers zu sehen. Als ich dort war, setzte mich auf mein aufgebocktes Motorrad, lehnte mich mit dem Rücken gegen die Gepäckrolle hinter mir, legte die Füße auf die Lenkstange und blickte in Richtung Antarktis.

Dabei verlor ich mich in Gedanken an Weihnachten zuhause: Kirchgang mit meinen Eltern, danach ein Weihnachtsschwätzchen mit den Nachbarn, daheim dann gemeinsames Tischdecken, Auftischen der alljährlichen Rinderzunge mit Pilzen und Preiselbeeren, Essen vom besten Geschirr, Bescherung, Gespräche, Fernsehen, Bett. So war es immer, fast jedes Jahr, seitdem ich auf der Welt war. Darauf konnte ich mich verlassen, und irgendwie hätte ich schon Lust auf einen solchen Abend, auch wenn oder vielleicht gerade weil ich ihn schon so oft erlebt hatte.

Die Vorstellung dieses viele Male erlebten Rituals brachte mir den Abend so nah. Der Polarwind wehte mir um die Nase; dennoch roch ich die beheizte Luft in unserer Kirche, die dünstenden Wintermäntel der Besucher und den leichten Duft von Weihrauch. Alles war so vertraut, jeder nächste Schritt so bekannt. Es war ein verlässliches Wissen darüber, was genau geschehen wird, ein Wissen oder eine Gewissheit, die eine Vorfreude auf das nächste kleine Geschehnis an diesem Abend mit sich brachte. In der Kirche schon freute ich mich auf das Tischdecken, dabei schon auf das Abendessen, dabei auf die Bescherung danach und so weiter.

Wann aber hatte ich denn in den letzten zwei Jahren einen Tag oder vielleicht nur ein paar Stunden erlebt, in denen ich so genau wusste, was als Nächstes geschehen würde? Seit langem umgaben mich jetzt schon fremde Länder, fremde Kulturen, fremdes Essen. Traditionelles, Vertrautes, Berechenbares gab es kaum noch für mich. Am Morgen wusste ich meist nicht, wo ich am Abend sein und schlafen würde. Ich wusste nicht, wann ich wo und was zu essen bekommen, was ich sehen, wem ich begegnen oder was ich erleben würde. Nie war etwas vertraut auf meiner Reise, immer war alles neu. Zumindest darauf konnte ich mich verlassen.

Bisher hatte es mich nie gestört. Jetzt und hier auf dem Hügel in Ushuaia aber vermisste ich mit einem Mal diese Vertrautheit. Morgen wollte ich mir Zeit nehmen für zuhause. Morgen wollte ich unbedingt an einem Lagerfeuer hocken und wenigstens in Gedanken bei meiner Familie sein und aus der Ferne jeden der kleinen, so vertrauten Schritte an diesem Abend mit ihnen gehen und mit ihnen fühlen.

Es war schon spätnachmittags, als ich das Motorrad startete und hinunterfuhr in die Stadt zum Campingplatz. Einige Motorräder und Zelte erblickte ich schon von weitem, und tatsächlich traf ich dort auf etwa fünfzehn andere Motorradfahrer, die schon seit Monaten in der Welt unterwegs waren:

Maria, die 35-jährige Italienerin, die sich tapfer auf der BMW durch Südamerika schlug; Heinz, der Sozialarbeiter aus dem Schwarzwald, der seine Freundin schrecklich vermisste; Silke und Oli aus Hessen, die es zusammen auf einem Motorrad bis hierher geschafft hatten, sowie die Pärchen Thomas und Andrea und Andreas und Saskia aus der Schweiz. Überhaupt waren die Schweizer stark vertreten: Cecilia, die bereits den 330.000sten Kilometer auf Ihrer BMW hinter sich gebracht hatte und seit drei Jahren unterwegs war, und Mathias mit mehr als einer Viertelmillion Kilometer auf dem Tacho. Dagegen war ich mit meinen 76.000 Kilometern ein Waisenknabe. Selbst Korea war mit dem Landschaftsgärtner Goh und seiner Frau vertreten.

Es waren um die fünf Grad in Ushuaia. Meine Lust darauf, die bevorstehende Nacht im Zelt zu verbringen, lag bei null. Doch noch saß ich mit der ganzen Truppe im großen Gemeinschaftsraum des Campingplatzes, in dem ein großer, schwarzer Holzofen bollerte, was er konnte.

„Hey, wie wäre es mit einem Lagerfeuer morgen Abend? Wir essen zusammen und machen es uns dann dort gemütlich. Was meint ihr?“, fragte ich in die Runde. Für das Essen waren alle zu haben, für das Lagerfeuer aber niemand. Ich nahm mir vor, morgen selbst Holz für ein kleines Feuer nur für mich zu sammeln.

Es war eiskalt in der Nacht; als ich am nächsten Morgen den Reißverschluss meines Zeltes öffnete, war alles um mich herum mit einer leichten Schneedecke überzogen. Mein Nacken und mein Kopf schmerzten, meine Nase lief und die Stirn war heiß. Eine dicke Erkältung schien sich anzubahnen. Ausgerechnet heute, an Heiligabend.

Nach ein paar Einkäufen im nahen Supermarkt war ich fertig, konnte nicht mehr, musste mich hinlegen und fand neben dem Gemeinschaftssaal noch einen kleinen geheizten Raum mit einer Pritsche darin. Drei Ibuprofen, und ich schlief tief, fest und … sehr lange.

Erst zum Abendessen wurde ich wieder wach. Alles war schon vorbereitet, als ich aus meiner Kammer trat und mir die Augen rieb. Der lange Tisch war gedeckt und von den Damen unter uns liebevoll mit grünen Tannenzweigen geschmückt. Sogar Servietten gab es und ein paar Kerzen.

Mir ging es schon wieder besser, nur mein Lagerfeuer, das konnte ich wohl vergessen, denn Zeit zum Holzsammeln war nicht mehr. Silke rief zum Essen.

Statt Rinderzunge gab es Gulasch mit Möhren, Blumenkohl und Kartoffeln, geschöpft aus einem riesigen Topf, und statt der Rheingauer Spätlese war es an dem Abend „Vino Toro“ aus dem Tetra-Pack. Alles war gut, wunderschön und entspannt.

Gegen elf Uhr fragte ich mich, wie meine Eltern diesen Abend wohl verbracht hatten und ob sie an mich gedacht oder mich vermisst hatten. Ich stand auf, zog meine Daunenjacke über und ging vor die Tür. Mir war danach, für einen Moment allein zu sein. Die Nacht war klar, voller Sterne, kein Lüftchen rührte sich. Der kleine Wald am Rande des Campingplatzes hatte etwas Verwunschenes an sich. Dunkel und geheimnisvoll lag er vor mir. Nur eine Stelle fiel mir auf, dort wo im blassen Licht des Mondes der Waldweg hinunter zum Fluss, zum Rio Pipo, zu erkennen war.

Die Tür hinter mir ging auf, ein paar Raucher gesellten sich zu mir. Doch mir war nicht nach weiteren Motorradgeschichten, ich drehte mich um und lief einfach auf den mir ungewöhnlich hell erscheinenden Waldweg zu. Kurz darauf hörte ich bereits das leise Rauschen des Rio Pipo. Er schien nicht weit zu sein; und tatsächlich erreichte ich nach ein paar Metern durch den Wald das Ufer des hier vielleicht fünf Meter breiten Flusses.

Ich schaute mich um, schaute nach rechts und sah etwa hundertfünfzig Meter weiter ein Feuer brennen. War doch noch jemand da? Wer denn? Verwundert lief ich langsam dem Licht entgegen. Ich war beinahe dort, doch immer noch sah ich niemanden. „Hola?“ rief ich mehrmals. „Hola?“, doch keiner antwortete.

Dann stand ich mitten vor dem Feuer, und immer noch war niemand zu sehen. Es brannte hell, und die Äste darauf knisterten in den Flammen. Irgendwer musste gerade eben hier noch frisches Holz aufgelegt haben. Weit konnte er nicht weg sein. Neben dem Feuer war noch mehr gesammeltes Brennholz geschichtet, und ein großer Holzklotz gleich daneben diente wohl als Sitzplatz. Nochmals rief ich laut in den Wald: „Hola, hay alguien ahí? Is there anybody?“ Doch nichts regte sich, niemand kam, alles blieb still.

Noch völlig ungläubig schaute ich in die Glut. Da ist es, mein Feuer. Hatte ich es mir nicht genauso gewünscht, wollte ich Weihnachten nicht an genauso einem Feuer verbringen? Wer hatte es angezündet? Und für wen? Wer macht so ein Feuer, legt frisches Holz auf und geht?

Und immer noch war niemand zu sehen. Mich fröstelte ein wenig. Noch einmal schaute ich mich um und setzte mich dann zögerlich auf den Holzklotz. Erst als ich die Wärme des Feuers in meinem Gesicht spürte und ich eine Zeit lang das Züngeln der Flammen an der Glut beobachtete, ließen die Spannung und meine Verwirrung nach.

Fast zwei Stunden saß ich hier an diesem Feuer, und niemand kam zurück, niemandem schien es zu gehören. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir. Dieses Feuer, zu genau dieser Zeit, als ich zum Fluss kam, gerade eben bestückt mit neuem Brennholz, dieses Feuer … es war mein Weihnachtsgeschenk, und ich wagte nicht daran zu denken, wer es für mich in dieser Heiligen Nacht angezündet haben mochte.

Ich schaute lange in das prasselnde Feuer und dann hoch in den schwarzen, kalten Himmel, aus dem nun langsam und schwer einzelne, schneeweiße Flocken dick und weihnachtlich heruntersegelten. Erst fielen ein paar wenige und dann wurden es immer mehr, so dass ich bald schon dort saß, umgeben von einem wundervollen, ständig fallenden Vorhang aus Millionen weißer Flockenpunkte, gelb angestrahlt von der hellen Wärme meines Feuers.

Als ich an diesem Abend an meinem Feuer saß, da fühlte ich mich nicht im Stande, etwas anderes zu glauben. Ich wollte damals so glauben, wie es ein Kind tut. Ich war mir einfach so sicher, dass dieses Feuer ganz allein für mich dort angezündet wurde, es keinen anderen Zweck hatte, als für mich da zu sein. Alles war so perfekt, so passend, so ganz genau so wie ich es mir gewünscht hatte.

Und ich spürte so deutlich wie nie, dass ich in dieser Heiligen Nacht nicht allein am Feuer war. Ein unbeschreiblich warmes, ja fast brennendes Gefühl von Nähe und Zugehörigkeit zu etwas Unerklärlichem, Unbeschreiblichen und sicher ganz, ganz Großem umgab mich dort unten am Ende der Welt.

Ich war mir sicher: Das mit dem Feuer war kein Zufall. Zufälle gibt es nicht. Auch das tiefe, innere Glück, das ich in dieser Nacht spürte, auch das war kein Zufall, keine Glücksache, sondern vielleicht nur die Konsequenz, wenn wir anfangen, ein wenig mehr auf unsere innere Stimme zu hören, wenn wir uns ein wenig mehr durch unser Leben hindurchtreiben lassen und wir ein offenes Auge und ein offenes Herz dafür haben, was uns das Leben jeden Tag auf seine leise Art zeigt, wie vielleicht einen Waldweg im Mondschein.

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel "Das Lagerfeuer"

„Die Verlässlichkeit des Zufalls-Nebenwirkungen einer Weltreise“ von Theo M. Schlaghecken; Paperback: 14,90 Euro; E-Book: 10,99 Euro

Link zum Buch: Die Verlässlichkeit des Zufalls

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